HAUS OBERRAUCH
- Terlan
- 2026
- Industriell
- Wohnbau
Urbanes Zeichen: Ein strukturelles Raster zwischen Arbeitswelt und Geborgenheit.
Eine neue Betonstruktur interpretiert den Bestand neu und schafft Terrassen, Tiefe sowie eine markante urbane Front.
An der Hauptstraße von Terlan, eingebettet in ein gewerblich und infrastrukturell geprägtes Umfeld, fügt sich HAUS OBERRAUCH als architektonische Geste ein, die unterschiedliche Identitäten vereint: die öffentliche Funktion einer Kfz-Werkstatt und die private Dimension des Wohnens. Das Projekt entspringt dem Wunsch der Bauherrschaft — einer Familie, die historisch eng mit ihrem Arbeitsort verwurzelt ist —, die bestehende Aufstockung in ein Haus zu verwandeln, das nicht nur zwei separate Wohneinheiten beherbergt, sondern auch als weithin sichtbares Zeichen entlang der Straße fungiert.
Das Grundstück ist von einer klaren Dichotomie geprägt: Nach Westen und Norden orientiert es sich zum infrastrukturellen Panorama aus Verkehr, Tankstellen und Gewerbebetrieben; nach Osten und Süden öffnet es sich hingegen einer intimeren Sphäre aus Gärten und landwirtschaftlichen Grünflächen. Der Entwurf arbeitet mit dieser Spannung und schafft ein Gebäude, das zugleich Filter und Scharnier zwischen diesen zwei Welten ist.
Volumetrie und Fassadengestaltung
Städtebaulich gründet der Eingriff auf einem direkten Dialog mit dem Bestand. Das Satteldach, prägendes Element des ursprünglichen Baus, wird beibehalten und als generative Matrix für das neue Volumen reinterpretiert. Ergänzt wird dies durch ein zusätzliches System — einen Kubus an der Südseite —, der die Komposition vervollständigt, ausbalanciert und eine maßvolle, zeitgemäße Variation einführt.
Das Fassadendesign resultiert exakt aus dieser Überlagerung von Erinnerung und Innovation. Ein neues strukturelles Raster aus Betonfertigteilen — Stützen und Träger — umhüllt das Gebäude, interpretiert die traditionelle Geometrie des Dachs in einer zeitgenössischen Formsprache neu und übersetzt sie in eine regelmäßige, dreidimensionale Taktung. Dieses Gerüst definiert einen klaren, wiedererkennbaren Rhythmus und erzeugt gleichzeitig jene Tiefe, Loggien und Terrassen, die das Verhältnis zwischen Innen und Außen artikulieren.
Die Fassade fungiert somit als aktives Dispositiv: ein System, das ordnet, vereint und repräsentiert. Trotz der Koexistenz unterschiedlicher Funktionen präsentiert sich das Gebäude als kohärenter Organismus, bei dem das Raster ein starkes, durchgängiges Bild entlang der Straßenseite zeichnet. Die Farbgebung nimmt Bezug auf den Terlaner Porphyr und verwurzelt den Eingriff im lokalen Kontext, während die Verwendung von Fertigteilen eine zeitgemäße, präzise und kontrollierte Dimension einbringt.
An der Westseite, der Straße zugewandt, nimmt das Raster eine Abfolge von Pflanzgefäßen aus Blech in einem warmen Schokoladenbraun auf, die in das Design der Brüstungen und Öffnungen integriert sind. Die Bepflanzung trägt dazu bei, den Maßstab des Gebäudes visuell abzumildern und eine Vermittlung zur Umgebung herzustellen, indem sie eine lebendige, wandelbare Komponente in die strenge Struktur einführt.
Innenraum und Organisation
Das Erdgeschoss ist als Erweiterung der betrieblichen Tätigkeit konzipiert: ein öffentlich zugänglicher Bereich mit Büros, Besprechungsraum und Serviceräumen. Der Zugang erfolgt über eine große Glasschiebetür, flankiert von einer transparenten Fläche, die wie ein Schaufenster Exponate präsentiert, einlädt und sich im Inneren in eine bewohnbare Nische verwandelt. Die materielle Sprache setzt sich konsequent fort: Die Nuancen des Sichtbetons verflechten sich mit der Wärme des Holzes und dunkel-türkisen Akzenten, die die sichtbaren Strukturelemente betonen.
Der Zugang zu den Wohneinheiten erfolgt hingegen von der gegenüberliegenden Seite über den südlich gelegenen Garten, was die Trennung zwischen öffentlicher und privater Sphäre unterstreicht. Eine interne Treppe verbindet die verschiedenen Wohnebenen, die in zwei separate Wohnungen für Eltern und Sohn gegliedert sind.
Erstes Obergeschoss: Hier befindet sich eine Wohnung, die sich um einen offenen Wohnbereich entwickelt. Küche und Wohnzimmer treten über eine vollverglaste Südfront in Dialog mit dem Außenraum. Die umlaufende Terrasse, die aus dem strukturellen Raster resultiert, verstärkt diese Beziehung und verbindet jeden Raum direkt mit der Landschaft.
Zweites Obergeschoss und Dachgeschoss: Diese Ebenen beherbergen die zweite Wohnung, die sich durch eine komplexere räumliche Gliederung auszeichnet. Eine interne Treppe führt in die obere Ebene, die in ihrer ursprünglichen Konfiguration erhalten blieb. Auch hier öffnet sich der Wohnbereich vollständig nach Süden, während die durch die Fassadenstruktur definierten Terrassen vielfältige Ausblicke und Lichtstimmungen bieten. Die Innenatmosphäre wird durch die vorherrschende Verwendung von Holz und hellen Farbtönen geprägt, die ein intimes, häusliches Ambiente schaffen.
HAUS OBERRAUCH versteht sich somit als Projekt der transformativen Kontinuität: eine Architektur, die durch neue Materialien und eine neue formale Ordnung wiedergeboren wird, ohne ihren Ursprung zu verleugnen. Ein Gebäude, das die Vergangenheit nicht auslöscht, sondern sie interpretiert und so eine neue Identität stiftet.


