Villa HILDA | Eine Villa erwacht
Wie Lorenzo Scacchetti und Manuel Gschnell von DEAR studio eine Meraner Residenz aus dem Jahr 1930 behutsam in die Gegenwart geführt haben — ohne ihr Gedächtnis auszulöschen.

01 — Das Haus, das Zeit gesammelt hat
Es gibt Häuser, die sprechen. Villa Hilda, im Jahr 1930 in Meran erbaut, ist eines von ihnen. Wer die Fassade betrachtet — ihre ruhige Symmetrie, den betonten Mittelbaukörper, die Bogenfenster, die balustradenbewehrte Terrasse — spürt sofort, dass hier mehr als nur gebaut wurde. Hier wurde eine Haltung formuliert.
„Was mich von Anfang an fasziniert hat, ist diese kompositorische Klarheit“, erzählt Lorenzo Scacchetti, der das Projekt gemeinsam mit Manuel Gschnell betreut hat. „Die Villa steht noch vollständig in einer Tradition klassischer Architektur — Ordnung, Proportion, Repräsentativität — und trägt dennoch die Nüchternheit der Zwischenkriegszeit in sich. Die Dekoration ist vorhanden, aber zurückgenommen. Nicht Üppigkeit, sondern maßvolle Eleganz.“
Genau dieses Gleichgewicht macht Villa Hilda zu einem so aufschlussreichen Dokument ihrer Zeit. Um 1930 befand sich die Meraner Villenarchitektur in einem stillen Übergang: weg vom ornamentalen Überschwang des Späthistorismus und den reichen Ausformungen des Jugendstils, hin zu einer sachlicheren, aber noch keineswegs nüchternen Sprache. Eine Architektur am Scheideweg — und genau das liest man Villa Hilda noch heute an.

02 — Meran als Hintergrund
Um Villa Hilda zu verstehen, muss man Meran verstehen. Die Stadt war über Jahrzehnte — von der Belle Époque bis weit in die Zwischenkriegszeit — ein europäischer Kurort von Rang, geprägt von Klimatherapie, Villeggiatura und einer bürgerlichen Repräsentationskultur im Grünen. Das hat eine ganz eigene Bautypologie hervorgebracht: nicht städtisch im eigentlichen Sinne, nicht ländlich, sondern etwas dazwischen — Häuser im Park, gebaut für Licht, Luft und das alltägliche Verhältnis zur Landschaft.
Die Meraner Villen jener Epoche sind zurückgesetzt von der Straße, von Gärten umgeben, mit Loggien, Terrassen und Portiken ausgestattet. Ihre Architektursprache ist eklektisch, aber beherrscht. Und immer ist da diese Aufmerksamkeit für das Außen: für das Klima, für den Ausblick, für die Verbindung zwischen Innen und Außen.
Villa Hilda ist in diesem Kontext kein Ausnahmefall, sondern ein Musterbeispiel. Das Dokument des städtischen Ensembleschutzes (Tutela degli Insiemi) führt sie unter der Nummer 16.08 als Teil eines schützenswerten Gefüges auf — gemeinsam mit den Gärten, den Baumbeständen und dem Gesamtcharakter des Quartiers entlang der Grabmayr- und der St. Katharina-Straße. Denn was hier unter Schutz steht, ist nicht nur das einzelne Gebäude: Es ist eine Lebensform in der Landschaft.
03 — Kontinuität als Programm
Anders als viele ihrer Schwestern hat Villa Hilda nie ihre Bestimmung gewechselt. Keine Pension, kein Büro, kein kleines Hotel — das Haus blieb immer das, was es von Anfang an war: eine Privatresidenz. Doch um das Jahr 2010 stand es zunehmend leer. Substanz und Haustechnik entsprachen nicht mehr den Anforderungen zeitgemäßen Wohnens. Die Villa hatte ihre Geschichte bewahrt — aber sie hatte dabei aufgehört zu leben.
„Das Ziel war nicht Restaurierung im musealen Sinne“, erklärt Scacchetti. „Wir wollten die Villa reaktivieren, nicht einfrieren. Sie sollte wieder bewohnt sein — vollständig bewohnbar — aber ohne ihren Charakter zu verlieren.“
Dieser Ansatz klingt einfacher, als er ist. Denn der eigentliche Eingriff liegt nicht im Sichtbaren, sondern im Unsichtbaren: in der Haustechnik, in der thermischen Sanierung, in allem, was ein Haus funktionstüchtig macht, ohne seine Erscheinung zu verändern. Dazu kamen zwei gezielte Ergänzungen: ein kleiner Wellnessbereich mit Hallenbad als privater Rückzugsraum und eine Tiefgarage — für den alltäglichen Gebrauch eines Hauses dieser Größenordnung heute nahezu unentbehrlich.

Die historische Raumorganisation blieb vollständig erhalten. Die Villa empfängt noch immer so, wie sie empfangen hat. Sie verteilt die Räume noch immer nach der gleichen inneren Logik. Nur lebt sie jetzt wieder.
04 — Der Faden zwischen den Zeiten
Was ein Projekt wie dieses schließlich auch zu einer gestalterischen Aussage macht, ist die Wahl der Materialien. Terrazzo, Naturholz, Sichtbeton: Wie sprechen diese Materialien mit einer Villa aus dem Jahr 1930?

„Wir wollten die Materialien der 1930er Jahre nicht imitieren“, sagt Scacchetti. „Uns ging es um eine kulturelle Kontinuität — darum, einen Faden zu spinnen zwischen der Bauweise von damals und der von heute.“
Terrazzo ist ein Paradebeispiel dafür. Tief in der norditalienischen Bautradition verwurzelt, war er im frühen 20. Jahrhundert in herrschaftlichen Residenzen weit verbreitet — widerstandsfähig, dauerhaft, fähig zu einer eleganten Lichtwirkung. Ihn heute einzusetzen bedeutet nicht Nostalgie, sondern die Reaktivierung einer handwerklichen Intelligenz, die noch immer Gültigkeit hat.

Eine besondere Rolle spielt die Farbe. Salbeigrün zieht sich als stilles Leitmotiv durch das gesamte Projekt. „Es ist eine Farbe, die ich sehr stark mit der Identität Merans verbinde“, erzählt Scacchetti. „Man denke nur an die Wandelhalle — einen der ikonischsten Orte der Stadt. Salbeigrün ist zurückhaltend, natürlich, es vermittelt zwischen dem hellen Putz der Villa und dem Grün des Gartens. Es schafft Kontinuität zwischen Architektur und Landschaft.“

Der Sichtbeton, eingesetzt in der Decke und in den Garagenräumen, ist das dezidiert zeitgenössischste Element des Eingriffs. Seine Textur stammt aus OSB-Schalungen — ein Verfahren, das dem Beton eine warme, haptisch wirksame Maserung verleiht und ihn der Sprache des Holzes näherbringt. „Beton muss nicht verborgen werden“, so Scacchetti. „Mit der richtigen Bearbeitung wird er selbst zum Ausdruck.“

Das Ergebnis ist ein Projekt, das nicht zwischen alt und neu unterscheidet — sondern zwischen dem Wesentlichen und dem Überflüssigen. Villa Hilda erzählt ihre Geschichte weiter. Und sie gehört jetzt wieder vollständig der Gegenwart an.
Projekt: Villa Hilda, Meran Büro: DEAR studio, Meran, Architekten: Lorenzo Scacchetti, Manuel Gschnell, Baujahr: 1930 / Revitalisierung 2024